Experte mit polarisierender Meinung: "Für Frauen ab 35 Jahren nur Kaiserschnitt"

Dieser Text erschien zuerst an dieser Stelle bei brigitte.de.

Maike ist mit 40 Jahren eine Spätgebärende. Schon die Schwangerschaft war alles andere als leicht, hinzu kamen die Angst vor der Geburt und die Panik vor einer PDA. Eine vaginale Entbindung war für Maike rückblickend die absolut dümmste Idee, sagt sie heute. Doch gewarnt hat sie niemand. Ihre Tochter war sehr groß, wog schon bei der Geburt 4500 Gramm. Die Praktiken der Hebamme im Kreißsaal: altbacken und überholt. Gegen den Wehensturm soll sie powerpressen. Mit schwerwiegenden Folgen: Maike erleidet einen Nervenschaden und einen Beckenbodenabriss. Auch ein Jahr nach der Geburt kann sie ihre Tochter kaum hochheben. Einkaufen im Supermarkt? Keine Chance! Längere Wege und selbst der Abwasch sind eine Qual. Sex tut zu sehr weh, ein zweites Kind? Unmöglich. Die meiste Zeit liegt sie deshalb auf der Couch oder im Bett.

Wie ihre Zukunft aussieht, weiß sie nicht

Für Hans-Peter Dietz, Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universität in Sydney, nichts Ungewöhnliches. Der Beckenbodenspezialist ist Leiter einer Forschungsgruppe und DIE Referenz für Beckenbodenultraschall weltweit. Solchen Schäden, wie sie Maike erlitten hat, kann man ganz einfach vorbeugen – mit einem Kaiserschnitt, sagt er. Eine Aussage, die hochpolitisch ist, die viele Hebammen verteufeln, die aber tausenden Frauen aber unnötiges Leid ersparen könnte.

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Trotz zweier Geburten habe ich noch nie etwas von Beckenbodenabrissen gehört. Wie kann das sein?
Schäden am Beckenboden sind nicht so offensichtlich wie ein Dammriss oder ein Scheidenriss. Sie wurden bisher einfach übersehen, weil sie nicht sofort sichtbar sind. In der Forschung ist der Beckenboden bis zum Jahrtausendwechsel kaum ein Thema gewesen. Dementsprechend taucht er auch in den Lehrbüchern nicht auf.

In der Schwangerschaft hören viele Frauen das erste Mal von ihrem Beckenboden. Was ist das genau?
Der Beckenboden ist eine trichterförmige Muskelplatte, die am Beckenknochen angewachsen ist. Durch diese dreieckige Öffnung laufen drei Kanäle: Einmal die Harnausscheidung, die Reproduktion und die Stuhlausscheidung. Das macht den Beckenboden so besonders komplex. Bei Primaten sieht der übrigens komplett anders aus, was zeigt, dass die Evolution in diesem Bereich sehr schnell fortgeschritten ist. Und weil Affenbabys im Vergleich zum Geburtskanal recht klein sind, bekommen Primaten ihre Babys auch nebenbei schnell hinter einem Busch. Bei uns Menschen ist das leider ja nicht so.

Unsere Babys sind im Vergleich zum Geburtskanal sehr groß. Normalerweise ist die Öffnung des Beckenbodens rund 15 Quadratzentimenter groß, ein Baby braucht aber 68 Quadratzentimeter, um dort durch zu passen. Kein anderer Skelettmuskel im Körper würde das verkraften. Umso erstaunlicher ist es also, dass der Beckenbodenmuskel auch bei einer 32-jährigen Frau, also einer nicht mehr ganz jungen Erstlingsmutter, zu 50 Prozent aussieht wie vor der Geburt.

Ihrer Studie zur Folge erleben nur noch 40 Prozent der Frauen eine normale Geburt ohne Geburtsverletzungen. Warum ist das so?
Frauen sind im Schnitt 31 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind bekommen – also wesentlich älter als früher. Das liegt natürlich vor allem an den veränderten Umständen. Heute können Frauen selbst entscheiden, wann sie ein Kind möchten, haben Zugang zu modernen Verhütungsmitteln oder entscheiden sich dafür, erst einmal Karriere zu machen. Das ist prinzipiell eine gute Sache, doch das moderne Leben hat an dieser Stelle viele Nachteile, weil der Körper auf etwas anderes eingerichtet ist als noch mit 38 ein Kind zu gebären.

Das Alter wirkt sich vor allem auf den Beckenboden aus, der mit jedem Jahr steifer wird. Die Folgen: Die Austreibungsphase der Geburt dauert länger, die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen steigt. Das Risiko für Levatorrisse, also Beckenbodenrisse, erhöht sich pro Lebensjahr um sechs bis elf Prozent. Eine Frau über 35 sollte einen Kaiserschnitt angeboten bekommen und erwägen, die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen ist einfach zu hoch.

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„Die Geburtszange sollte abgeschafft werden“

Welche Risikofaktoren für einen bleibenden Beckenbodenschaden gibt es?
Der wichtigste, nicht modifizierbare Faktor ist das Alter der Frau. Neben der Größe des Kindes, dem Gewicht der Mutter, der Lage des Babys bei der Geburt und ähnlichen Vorfällen in der Familie, ist der Einsatz der Geburtszange der häufigste Grund für schwere Schäden am Beckenboden. Leider wurde sie noch immer nicht aus den Kreißsälen verbannt, weil Krankenhäuser unter enormem Druck stehen, die Kaiserschnittrate zu senken. Die Zange holt nun mal Babys raus, die sonst nur per Kaiserschnitt rauskämen. Der Kaiserschnitt ist aber als schrecklich verrufen, ergo macht man immer mehr Zangengeburten. In England beispielsweise haben sich die Zangengeburten zwischen 2005 und 2015 verdoppelt, was 100.000 – 250.000 zusätzliche Beckenbodentraumata bedeutet, das muss man sich mal vorstellen: Das sind katastrophale Schäden. Die Geburtszange sollte abgeschafft werden.

Wie viele Frauen sind in Deutschland betroffen?
Obwohl die Zangengeburten in Deutschland nicht so populär sind, erleiden etwa acht Prozent der erstgebärenden Frauen eine Levator-Alvusion, einen Beckenbodenabriss also. Bei 800.000 Geburten sind das also etwa 60.000 – in einem Jahr! Weltweit sind es Millionen Frauen, die darunter leiden.

Woran merkt man, dass mit dem Beckenboden was nicht stimmt?
Schwere Dammrisse werden meist unmittelbar nach der Geburt entdeckt und versorgt, wenn es auch oft an der Diagnose und der Nachsorge hapert. Das wichtigste Symptom von schweren Dammrissen ist die Stuhlinkontinenz. Einen Levatorriss merkt die Frau meist nicht sofort, sondern erst nach zehn bis 15 Jahren, weil immer was anderes wichtiger ist, als die eigene Gesundheit. Erst in den Wechseljahren kümmern sich Frauen wieder mehr um ihre eigene Gesundheit und gehen zum Arzt. Symptome dafür, dass etwas mit dem Beckenboden nicht stimmt, sind unter anderem: Schwierigkeiten beim Wasserlassen und ein Beckenwand-Hämatom direkt nach der Geburt. Später haben sie oft kein Gefühl oder sogar Schmerzen beim Sex, weil alles ausgeleiert ist. Das spürt meist auch der Partner.

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Was sind die Folgen eines Beckenbodenabrisses? Was kann man tun, wenn man betroffen ist?
Ein beidseitiger Beckenbodenabriss führt fast immer zur Absenkung der Gebärmutter und der Blase. In den Wechseljahren wird das dann deutlich. Je schwerer die Schäden sind, desto schwieriger die OP. In Deutschland sprechen wir von etwa 40.000 bis 50.000 Operationen pro Jahr. Ein Drittel dieser Fälle sind vermutlich auf Levatorrisse zurückzuführen.

Mittlerweile gibt es verschiedene experimentelle OP-Verfahren. Zukünftig werden wir hoffentlich in der Lage sein, jeden Gebärmutter- oder Blasenvorfall zu heilen, aber das wird vermutlich – wie beim künstlichen Hüftgelenk damals – noch Jahrzehnte dauern.

Warum werden Frauen nicht besser über die Risiken aufgeklärt?
Lange Zeit wusste man nicht besonders viel über den Beckenboden. In der Forschung ist zwischen 1955 und 2003 nichts passiert. Unsere erste Studie dazu erschien 2005. Und auch jetzt wird es Jahre dauern, bis das Wissen durchdringt und sich neue Methoden etabliert haben. Hinzu kommt: Die Forschung um den Beckenbodenabriss ist enorm politisch, weil die Alternative der Kaiserschnitt ist. Selbst eine Hebamme sagte zu mir: Forschung wie Ihre sollte nicht gemacht werden. Egal, wie viele Frauen hinterher Probleme haben.

Was muss sich in Zukunft ändern?

Werdende Mütter müssen vernünftig aufgeklärt, statt von der Ideologie der natürlichen Geburt romantisiert werden. Bei jeder anderen anfallenden Operation und Untersuchung macht man das schließlich auch akribisch, bei der Geburt hingegen nicht. Das gilt übrigens vor allem für Hebammen, die verstehen müssen, was genau dem Beckenboden widerfährt. Hebammen und Geburtshelfer richten zum Teil unbewusst unnötig schwere Schäden an, durch falsch gesetzte Dammschnitte beispielsweise. Gleichzeitig müssen die Methoden zur Diagnostik standardisiert werden und in den Kreißsaal einziehen, um die Frauen so gut es geht zu versorgen.

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