Corona

Karl Lauterbach und Lothar Wieler am 16. Dezember
»Es ist zynisch, zu lange zu warten.« Diese Worte stammen von Lothar Wieler, dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI), und beziehen sich auf die Überlastung der Intensivstationen und eine drohende Triage. Gesagt hat Wieler diesen Satz im April dieses Jahres in der Sendung »Jung und Naiv«, aber er könnte auch die Überschrift sein dafür, wie das RKI die pandemische Lage kurz vor Weihnachten und in den kommenden Wochen des Jahres 2022 in Deutschland einschätzt.
Das RKI hatte kurz vor der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) am Dienstag klar Stellung bezogen: Ab sofort – und nicht erst nach Weihnachten – sei es wichtig, alle Kontakte maximal zu beschränken, auf unnötige Reisen zu verzichten, so schnell und so viele Menschen wie möglich zu impfen und »maximale infektionspräventive Maßnahmen« zu ergreifen. Die Forderung widersprach der Linie, die von der MPK wenige Stunden später festgelegt wurde, aber schon vorher bekannt war: Etwas strengere Maßnahmen gibt es erst ab dem 28. Dezember – aber bei Weitem nicht in dem Maße, wie Wieler und das RKI es für erforderlich halten.
#DankeRKI trendet
Wielers Vorgesetzter, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, zeigte sich befremdet, die Stellungnahme sei »nicht abgestimmt« gewesen. Lauterbach, der vor seinem Einzug ins Gesundheitsministerium mindestens so klar und laut vor Corona gewarnt und zu Vorsicht gemahnt hatte wie Wieler jetzt, lehnte kurz zuvor via »Bild« einen Lockdown noch vor Weihnachten kategorisch ab. Später betonte er, in seinem Haus gebe es aber keine Zensur, was wissenschaftliche Arbeiten angehe. Doch auch Bundeskanzler Olaf Scholz kritisierte den RKI-Vorstoß, und CSU-Chef Markus Söder zeigte sich gar »höchst irritiert«.
Höchst irritierend wäre es allerdings gewesen, wenn Wieler seine Meinung entweder gar nicht oder erst nach der MPK kundgetan hätte. Als Chef des RKI ist es schlicht sein Job, Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung nicht nur anhand wissenschaftlicher Daten einzuschätzen, sondern diese Gefahren auch so gut wie möglich abzuwenden. Das Institut ist an dieser Stelle der ihm übertragenen Verantwortung gerecht geworden. Auf Twitter trenden Hashtags wie #DankeWieler und #DankeRKI.
Denn Wieler und das RKI sind nicht einer Partei verpflichtet, sondern der Wissenschaft. Das unterscheidet ihn maßgeblich von Lauterbach, der seit seiner Amtsübernahme vorsichtiger auftritt und – die von ihm zuvor so oft angemahnten – unpopulären Entscheidungen nun selbst zu scheuen scheint.
Wieler muss seinen neuen Chef auch nicht um Erlaubnis bitten, bevor er seine Einschätzungen abgibt. Natürlich können unterschiedliche Empfehlungen verwirren: Warum fordert eine Bundesbehörde sofortige Maßnahmen, die Politik findet Abwarten aber okay? Angeblich stützt sich letztere damit auf den neu gegründeten Expertenrat, dem Wieler selbst angehört, obwohl in dem Dokument der 19 Coronaweisen vom 19. Dezember steht: »Aus dem geschilderten Szenario ergibt sich Handlungsbedarf bereits für die kommenden Tage.«
»Bislang nicht gesehene Dynamik«
Doch diesen Widerspruch muss die Gesellschaft aushalten. Und vor allem müssen sich ihn jene Politikerinnen und Politiker anhören, die derzeit versäumen, so schnell wie möglich zu handeln, und damit verantwortlich sind, welchen Verlauf die bald von der Omikron-Variante dominierte Coronapandemie in Deutschland nimmt.
Denn auch wenn wir Omikron längst nicht genau kennen, reicht ein Blick in unsere Nachbarländer, um vorherzusehen, was auch hierzulande droht: eine steil ansteigende Welle von Infektionen, die vor allem Ungeimpfte treffen wird, aber eben auch zweifach Geimpfte und – den aktuellen Daten zufolge viel seltener – Geboosterte. Die Zahl der Infizierten wird sich alle zwei bis vier Tage verdoppeln, so schätzt es der Expertenrat ein. Es wird, so Wieler, eine Welle »von einer bislang noch nicht gesehenen Dynamik«.
Wie die Infektionen verlaufen, ist noch ungewiss. Klar ist aber, dass die schon jetzt strapazierten Pflegenden und Kliniken wieder an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen werden. Und selbst die kritische Infrastruktur wie Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Krankenhäuser, Wasser- und Stromversorgung könnte dann in Gefahr geraten, wenn die Belegschaft erkrankt oder in Quarantäne gehen muss.
Entscheidung des Herzens?
Während sich Deutschlands Ministerpräsidenten mit Kanzler Scholz am Dienstag darauf einigten, dass schärfere Maßnahmen hierzulande erst ab dem 28. Dezember gelten sollen, sagte die Virologin Sandra Ciesek im NDR-Podcast: »Es zählt eigentlich jeder Tag.«
Das sagten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon mehrfach. Und mehrfach zögerte, zauderte, zockte die Politik und ließ Tage, teils Wochen verstreichen. Immer mit dem Ergebnis, dass Lockdowns mit umso größerer Wucht dann doch kamen, die man eigentlich hätte vermeiden können. So dürfte es auch diesmal sein, denn eine verlorene Woche im Kampf gegen Omikron wird dazu führen, dass sich die Welle umso stärker aufbaut, statt sie im Frühstadium in Schach zu halten und ihr weiter mit Impfungen zu begegnen. Lothar Wieler stellte daher am Mittwoch auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Lauterbach fest: »Es wird an jeden Einzelnen appelliert, seine Kontakte so gut wie möglich zu reduzieren. Es hängt wahnsinnig davon ab, wie sich jeder Einzelne verhält.«
Weil die Politik sich abermals nicht traut, rechtzeitig strengere Maßnahmen zu ergreifen, überträgt sie die Verantwortung an die Bevölkerung. Das soll den Koalitionsfrieden schützen, die Wirtschaft in der Vorweihnachtszeit und schon geplante Reisen oder Feste. Das könnte man fast zynisch nennen. Denn wie viel näher die Entscheidung des Herzens liegt als die des Verstandes, weiß jeder, der nun für sich allein beantworten muss, ob er ein gemeinsames Weihnachtsfest absagt.
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